Nina Döllerer
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Kurzgeschichten


Infekt

Das vertraute Geräusch meiner sich öffnenden Zimmertür weckt mich. Es ist noch zu früh, um den Kopf zu drehen und nachzusehen, ob es Mama oder Papa ist.
   »Wach auf, Rahel«, ertönt die leise Stimme meines Vaters. Der vertraute Tonfall legt sich schützend – wie eine zweite Decke – um mich. Freudig sehe ich zu ihm auf. Seine Züge haben sich seit gestern nicht verändert, dennoch regt sich etwas in mir. Etwas Neues. Es fühlt sich seltsam an: Fremd, aber gut - wie ein unerwarteter Wolkenbruch an einem heißen Sommertag.
   Als mein Vater sich über mich beugt, strecke ich die Arme nach ihm aus. Doch die tiefe Falte auf seiner Stirn lässt mich innehalten. Warum sieht er mich so an? weiterlesen...


Kater und Kätzchen

Mit bebenden Händen schließe ich die Tür auf. Krieg dich wieder ein! Es ist vorbei!, ermahne ich mich streng.
   Die Nachwirkungen der Wurzelbehandlung sitzen mir tief in den Knochen. Ich hasse Zahnarztbesuche. Die Steinzeitmenschen sind auch ohne Zahnarzt ausgekommen! Warum muss ich da hin?!
  
In Zukunft kannst du dir die Zähne ja mit einem Kiesel aus dem Garten ausschlagen, antwortet eine zynische Stimme in meinem Inneren. Sie verstummt als ich das Wohnzimmer betrete.
   Meine geliebten blau karierten Sofakissen liegen wahllos im Zimmer verstreut. »Kasimiiir!«, rufe ich aufgebracht den Flur entlang. Kann man den verdammten Kater denn keine zwei Stunden alleine lassen?!  weiterlesen...