Nina Döllerer
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Kapitel 3

   Kennt ihr das ganz besondere Einkaufserlebnis in Elektronikfachmärkten? Ja, ich denke ihr kennt das ... Die Situation wenn du einen Mitarbeiter etwas fragst und er dir sagt, dass du doch bitte zum Kollegen in der anderen Abteilung sollst; besagter Kollege aber in einem Pulk aus Kunden ertrinkt.
    Meinen schlechten Erfahrungen zum Trotz werfe ich mich in meine Motorradklamotten und sattle mein weißes Benzin-Pony. Auf den 45 PS reite ich zu jenem schicksalbehafteten Ort. Es ist 18:38 Uhr, als ich auf den Parkplatz fahre. Der Laden hat bis 19:00 Uhr offen. Das dürfte reichen.
    Die Außentemperatur beträgt noch immer 28 Grad. Im zweiten Stock, in dem sich besagter Fachhandel befindet, ist es kein bisschen kühler. Was soll's. Ich will ja nur fragen, ob sie den Bildschirm aus der Werbung zur Ansicht da haben.
    Um die Uhrzeit ist der Laden fast leer. Jackpot. Ich widerstehe dem Drang mir alles anzusehen und gehe direkt zur Abteilung, in der die Bildschirme stehen. Der zuständige Kollege ist mit einem Kunden beschäftigt, also schaue ich mich vorerst selbst um. Der Bildschirm, den ich suche, ist nicht zu finden. Also nähere ich mich diskret dem Fachberater und seinem Kunden. In drei Metern Entfernung bleibe ich stehen und warte. Unterdessen wird mir in meiner Motorradkluft mittelschwer warm. Der andere Kunde sieht sich nur Kopfhörer an. So schlimm kann es nicht werden, denke ich zuversichtlich.
    Ich könnte die Jacke ausziehen. Aber ich habe einen Rucksack auf dem Rücken und den Helm in der Hand. Außerdem weiss ich – aufgrund meiner kurzen Karriere als Aushilfe bei einem Ladendetektiv – wie nervös die Verkäufer auf Menschen reagieren, die sich im Laden ihre Jacke über den Arm hängen. Also gut, lassen wir sie eben an. Nareth hinter mir fängt schon an zu grinsen.
    Ja, er ist dabei. So einfach wird man seine Charaktere eben nicht los.
    »Warm?«, fragt er spöttisch.
    »Das dauert nicht lang«, antworte ich. In Gedanken natürlich! Ganz so schlimm ist es noch nicht mit meiner Schizophrenie. Als ich höre, dass Kunde und Verkäufer per Du sind, wächst in mir die Befürchtung, dass das kein kurzer Einkauf wird. Gelassen lehnt besagter Verkäufer auf dem Regal und diskutiert mit dem Kopfhörermann. Ich höre gar nicht zu, Hauptsache ich komm hier bald raus. Hin und wieder werfen die beiden Männer mir einen Seitenblick zu, den ich ruhig erwidere. Ja ich will auch!, denke ich giftig. Sie sehen wieder weg.
    Vielleicht macht Nareth ihnen Angst, der noch immer links hinter mir steht. Ach ja... sie können ihn ja nicht sehen. Schade, eigentlich. Der Verkäufer würde bestimmt nicht so tiefenentspannt smalltalken, wenn ein einsfünundachzig großer Soldat, mit Schwert auf dem Rücken und zwei Messern am Gürtel, hinter mir stünde.    Ich kann hören wie Nareth hinter mir die Arme verschränkt. »Du solltest dich bemerkbar machen.«
    »Ich kann die doch nicht einfach unterbrechen! Das ist unhöflich.« 
Nareth schnaubt. »Das war schon immer dein größtes Problem: Höflichkeit.«
    »Vielen Dank, Doktor Freud«, gebe ich unwillig zurück.
    »Wer ist Doktor Freud?«
    »Vergiss es!«
Er zuckt die Schultern. »Ich meine ja nur.«
   Eigentlich hat er ja recht. Es wäre eine Option. Aber ich bin nun mal ich, und so warte ich weiter. Die beiden Männer sind mittlerweile ein Regal weitergegangen, zu den tragbaren Boxen. Ich dachte der Kunde will Kopfhörer? Brav trotte ich hinter ihnen her.
    Nareth folgt mir, breit grinsend, weil ich nicht die Dreistigkeit aufbringe das Kundengespräch –  das bereits fünf Minuten dauert – zu unterbrechen. Der Schweiß steht mir mittlerweile zwei Zentimeter hoch in den Stiefeln. Aber saunieren soll ja gut fürs Immunsystem sein. Der Verkäufer und sein Freund der Kopfhörer-Boxen-Mann, der sich mittlerweile Navigationsgeräte ansieht, sind noch immer entspannter als ein meditierender Buddhist.
    »Wofür brauchst du überhaupt einen Bildschirm?« Boah, dem Samerier wird langweilig. Auch das noch. »Für's Korrigieren und für mein Bildbearbeitungsprogramm. Momentan muss ich die Werkzeugfenster immer über mein Bild schieben, damit ich überhaupt was bearbeiten kann.«
    »Hätte ich verstehen müssen, was du sagst?«, brummt er unwillig.
    »Eines Tages kaufe ich dir eine Enzyklopädie. Die kannst du auswendig lernen, dann hab ich wenigstens meine Ruhe«, kontere ich.
   »Tu nicht so, als wäre dir meine Gesellschaft grade nicht recht.« Er stutzt. »Was ist eine Enzyklopädie?«
    Ich hole frustriert Luft. Die beiden Männer sehen mich an. Verdammt, das haben sie falsch verstanden! Aber vielleicht ist das gut und sie merken wie lange sie schon am Reden sind. Nein, sie gehen noch ein Regal weiter. Für einen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken lautstark mit Nareth zu diskutieren. Vielleicht wird man als Verrückte wenigstens beachtet.
   »Willst du immer noch nicht unterbrechen?«, stichelt Nareth.
Mein Nacken kribbelt, wie immer wenn Nareth anfängt zu nerven. Wieder überlege ich, ob ich stören soll, aber brav, wie ich eben bin, bringe ich es nicht übers Herz. In meinen Schuhen könnte ich mittlerweile ein Delphinarium eröffnen. Aber ich glaube der Tierschutzverein schreibt eine gewisse Beckengröße vor. Mist.
   Der Kunde sieht erneut auf. Offensichtlich fallen ihm die Schweißtropfen auf meiner Stirn auf, denn er beugt sich diskret zu seinem geduldigen Fachberater und sagt leise etwas zu ihm. Der nickte dreht sich um und kommt auf mich zu. Ich unterdrücke ein Na endlich! 
   »Kann ich ihnen helfen?«
    »Mir? Nein, nein, ich sauniere hier nur. Ich bin Schwabe müssen sie wissen. Wenn ich hier im Laden schwitze spare ich mir nicht nur das Eintrittsgeld in die Sauna, sondern auch noch Zeit!« Das sage ich natürlich nicht laut. Das Problem der Höflichkeit, hrmpf. Ich nicke also und versuche, mit einer Körpertemperatur von über 40 Grad Celsius, einen gelassenen Eindruck zu machen.
   Ich trage ihm mein Kaufinteresse an besagtem Bildschirm aus der Werbung vor.
Er hat keine Ahnung wovon ich rede. Egal. Ich nenne ihm die Daten, die dort angegeben waren.
   Er sieht sich im Laden um. »Also hier steht keiner dabei«, erklärt er fachmännisch.
   Ich widerstehe dem Drang die Augen zu verdrehen. Glaubt der Herr dass ich zwanzig Minuten in meinem eigenen Schweiß gebadet hätte, wenn das Teil offen herumstehen würde?!
    Ende der Geschichte: Bildschirm nicht auffindbar. Ich bedanke mich und sage ihm noch lächelnd, dass ich mir die anderen Bildschirme mal ansehe, wenn er nicht gerade Feierabend hat. Ich denke meine Fürsorge freut ihn, denn er lächelt und verabschiedet sich. Ich bewundere mich für meine Fassade der Gelassenheit. Genauso zielgerichtet, aber wesentlich frustrierter als zuvor, gehe ich wieder. Nareth wartet schon unten bei meinem Motorrad. Die Arme vor der Brust verschränkt, sieht er mir entgegen.
    »Du lernst es schon noch«, meint er trocken. Falls das ein Versuch ist mich aufzuheitern, scheitert er an Nareths kühler Miene.
   »Hast du nichts zu tun?«, gifte ich.
Er sieht weg. Ich stutze. Das kenne ich gar nicht von ihm. Ein wissendes Grinsen macht sich auf meinem Gesicht breit. »Ooooh lass mich raten, du drückst dich vor....«
   »Tue ich nicht!«, unterbricht er mich, bevor ich den Satz beenden kann.
Da mir mein Leben lieb ist kämpfe ich gegen meine wachsende Erheiterung an. Da sieh einer an. Der große Krieger, eingeschüchtert, vom einzigen was einem Mann, wie ihm, wirklich Angst machen kann –  einer Frau.

...Ich fürchte, eine Fortsetzung wird folgen...