Nina Döllerer
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Das vertraute Geräusch meiner sich öffnenden Zimmertür weckt mich. Es ist noch zu früh, um den Kopf zu drehen und nachzusehen, ob es Mama oder Papa ist.
   »Wach auf, Rahel«, ertönt die leise Stimme meines Vaters. Der vertraute Tonfall legt sich schützend – wie eine zweite Decke – um mich. Freudig sehe ich zu ihm auf. Seine Züge haben sich seit gestern nicht verändert, dennoch regt sich etwas in mir. Etwas Neues. Es fühlt sich seltsam an: Fremd, aber gut - wie ein unerwarteter Wolkenbruch an einem heißen Sommertag. Als mein Vater sich über mich beugt, strecke ich die Arme nach ihm aus. Doch die tiefe Falte auf seiner Stirn lässt mich innehalten. Warum sieht er mich so an?
   »Milena! Komm, das solltest du dir ansehen«, ruft er über die Schulter. Kurz darauf steht auch meine Mutter im Raum und sieht auf mich herab. Erwartungsvoll blicke ich zu ihr auf, doch auch sie schreckt zurück.
   »Was war das?«, fragt sie Papa und sieht ihn dabei besorgt an.
   »Ich weiß nicht genau«, sagt er leise. »Da ist es schon wieder!«
Ein leises Jammern kommt über meine Lippen, als sie mich auch nach weiteren, schmerzenden Augenblicken nur stumm ansehen. Der Laut reißt zumindest meine Mutter aus ihrer Starre und sie hebt mich endlich hoch. Erleichtert atme ich den vertrauten Duft ihrer Haare ein, als ich die Arme um sie schlingen kann.
   Der Frieden währt nur kurz, denn dann höre ich Papa sagen: »Wir sollten mit ihr zum Arzt. Nur zur Sicherheit.«
Ich spüre wie Mama nickt. Sie bringt mich ins Bad und zieht mich mit derselben Fürsorge wie sonst an, aber sie meidet meinen Blick, als fürchtet sie, etwas gefährliches darin zu entdecken. Sie haucht mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und nimmt mich dann wieder auf den Arm.
   Kurze Zeit später befinden wir uns im Auto. Die Fahrt dauert nicht lang. Auf dem Parkplatz angekommen steigt Mama aus, öffnet die Hintertür des Wagens, löst meinen Sicherheitsgurt und nimmt mich wieder auf den Arm. Das leise Piepsen der Türverriegelung erklingt und über ihre Schulter sehe ich, wie das Auto auf dem Parkplatz langsam kleiner wird. Wie immer beobachte ich fasziniert was hinter Mamas Rücken geschieht. Ein paar Menschen mit Einkauftüten teilen unseren Weg. Dort drüben wirft jemand einen Stock und ein Hund setzt ihm begeistert nach. Abermals überkommt mich dieses seltsame Gefühl.
   Eine Frau, die direkt hinter uns hergeht, bleibt verblüfft stehen und starrt mich an. Verunsichert drücke ich mich fester an Mamas warmen Hals. Ihr Haar kitzelt meine Wange, aber das nehme ich in Kauf. Was ist denn nur mit mir? Jedes mal, wenn ich glaube, dass es nun gut sei, bleibt abermals jemand stehen. Ein alter Mann mit grimmiger Miene wechselt sogar auf die andere Straßenseite. Schnell sehe ich weg. Für den Rest des Weges vergrabe ich mein Gesicht, für alle Welt verborgen, am weichen Stoff von Mamas Bluse. Erst als wir das Wartezimmer betreten, wage ich aufzusehen. Zu meiner Erleichterung ist es fast leer. Mama setzt sich auf einen Stuhl gegenüber der Tür, zieht mich auf ihren Schoß und öffnet den Reißverschluss meiner Jacke. Immer wieder wirft sie mir kurze Blicke zu. Die Sorge in ihren Augen verstehe ich nicht. Es geht mir doch gut!
   Um mich abzulenken, blicke ich aus dem Fenster hinter ihr. Ein paar schwarze Vögel jagen sich gegenseitig über die Hausdächer. Als Mama erschrocken nach meiner Kapuze greift und sie mir tief ins Gesicht zieht, zucke ich zusammen. Was ist denn jetzt schon wieder?
   »Schatz, du musst das lassen!«, sagt sie leise und sieht sich besorgt um, als müsste sie sicherstellen, dass niemand mich sehen könne. Langsam komme ich nicht mehr gegen die Angst an, und die Tränen laufen mir heiß über die Wangen. Ich hoffe Mama sieht sie nicht, sonst macht sie sich womöglich noch mehr Sorgen.
   Wir werden aufgerufen. Gesenkten Hauptes tapse ich neben ihr her, in ein Behandlungszimmer. Ihre Hand stützt mich, wenn meine unsicheren Beine unter mir einzuknicken drohen.
   »Wen haben wir denn da?«, fragt mich die gelassene Stimme eines Mannes. Vorsichtig sehe ich auf. Ein hagerer blonder Arzt mit Brille sieht auf mich herab.
   »Wie heißt sie?«, fragt er meine Mutter.
   »Rahel«, antwortet sie.
   »Ein schöner Name.« Der Satz klingt abgedroschen, als würde er ihn benutzen wie andere Klopapier. »Also wo drückt der Schuh?«, fragt er, als meine Mutter nicht antwortet.
   »Es ist etwas mit ihrem Gesicht. Es passiert immer wieder. Ich kann es mir nicht erklären.« Der Arzt sieht mich prüfend an. Er streift mir vorsichtig die Kapuze ab und dreht meinen Kopf in beide Richtungen. »Immer wieder sagten sie?«
   Mama nickt. Der Arzt wendet sich ab und öffnet einen hohen Glasschrank. Er zieht einen flachen Gegenstand heraus. Ein Gerät wie das, mit dem Mama immer telefoniert, nur ein wenig größer. Er hält es mir vor und zeigt mir ein paar Bilder. Es passiert wieder. Ich sehe es an Mamas Reaktion und an dem überraschten Blick des Arztes.
   »Können sie das erklären, Doktor?«
Langsam nickend erhebt er sich. »Es ist wahnsinnig selten, und bisher habe ich nur davon gehört.«
   »Was ist es?!«, fragt Mama ihn sichtlich ungehalten.
   »Ein Angewohnheit der Menschen aus vergangenen Zeiten. Nur wenige haben die genetischen Voraussetzungen dafür.«
   »Aber... es ist doch nicht ansteckend, oder?«
Der Arzt rückt seine Brille zurecht. »In den Büchern heißt es, es könne sich unter Umständen auf die Menschen in ihrer Umgebung auswirken.« Mamas Hand schließt sich fester um meine. Der Arzt setzt sofort nach: »Sie müssen sich keine Sorgen machen, es ist nur eine Seltenheit, keine Krankheit. Im Gegenteil.«
   »Hat... hat das was sie tut einen Namen.«
Der Arzt nickt, seine Lippen zucken, fast als wolle er sich Rahel anschließen. »Man nennt es lächeln.«