Nina Döllerer
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Kater und Kätzchen

Die folgende Geschichte entstand für einen Wettbewerb des Autoren_Netzwerkes. Vorgegeben waren die Stichworte: Kratzbaum - Zahnarzt - Wäscheleine - Druckerpatrone - Sofakissen 

Mit bebenden Händen schließe ich die Tür auf. Krieg dich wieder ein! Es ist vorbei!, ermahne ich mich streng.
   Die Nachwirkungen der Wurzelbehandlung sitzen mir tief in den Knochen. Ich hasse Zahnarztbesuche. Die Steinzeitmenschen sind auch ohne Zahnarzt ausgekommen! Warum muss ich da hin?!

   In Zukunft kannst du dir die Zähne ja mit einem Kiesel aus dem Garten ausschlagen,
antwortet eine zynische Stimme in meinem Inneren. Sie verstummt als ich das Wohnzimmer betrete. Meine geliebten blau karierten Sofakissen liegen wahllos im Zimmer verstreut.
   »Kasimiiir!«, rufe ich aufgebracht den Flur entlang.
Kann man den verdammten Kater denn keine zwei Stunden alleine lassen?! Ohne meine Schuhe auszuziehen, stapfe ich den Flur hinunter, in Richtung meines Arbeitszimmer, wo er sich meist verkriecht, wenn er etwas ausgefressen hat.
   Die Milchglastür ist nur angelehnt, aber ich öffne sie nicht, sondern bleibe erschrocken stehen. Meine Hand tastet bebend nach dem Pfefferspray in meiner Tasche, als ich die spiegelverkehrten Lettern entziffere, die jemand an die Tür geschmiert hat.
  
Bitte lass das kein Blut sein, flehe ich still. Todesmutig stoße ich die Tür auf und stürze in den Raum.
Nichts. Alles leer. Ich drehe mich um und lese ein zweites Mal, was dort steht.
   »Sei ein liebes Kätzchen.«
Ich schlucke schwer. Mein Herz schaltet einen Ganz runter und arbeitet mit doppelter Geschwindigkeit. Ich strecke die Hand aus, wische ein wenig der schmierigen Flüssigkeit ab und rieche daran.
Kein Blut! Erleichtert atme ich aus. Bestimmt nur ein sehr sehr dummer Streich.
   Auf meinem Schreibtisch steht die Magenta. Jemand hat die Druckerpatrone aufgeschlagen, um an die rote Farbe zu kommen.
      »Das ist echtes Mahagoni, du Arschloch!«, knurre ich, als ich die Flecken auf dem dunklen Holz ausmache. Andere hätten die Polizei verständigt, ich greife nach einem Taschentuch und beginne, wie eine Wahnsinnige, die Flecken abzuwischen. Dabei fällt mein Blick aus dem Fenster. Ich erstarre mitten in der Bewegung. Dann bricht ein Aufschrei aus mir hervor.
   Kasimir. Mein wunderschöner Schildplattkater hängt an der Wäscheleine. Jemand hat die Bastschnur seines Kratzbaumes abgewickelt und eine Schlinge daraus geknüpft. An ihr baumelt er nun draußen im Herbstwind, die Augen weit aufgerissen.
     
Mein Schrei verstummt erst, als mich ein harter Schlag am Kopf trifft.
Das letzte, was ich höre, ist eine tiefe Stimme, die mir zuraunt:
»Sei ein liebes Kätzchen.
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